Von HenkerSatire auf Dienstag, 22. September 2026
Kategorie: Persönlichkeiten

Ein Blick in die Zukunft: Genosse Klingbeil übernimmt

Eine satirische Meldung aus dem Jahr 2028

Berlin, 22. September 2028.

Der Große Saal des Zentralkomitees ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Rote Fahnen, roter Marmor, rote Gesichter. Über dem Präsidium glänzen Hammer und Zirkel im Ährenkranz.

Dann betritt Lars Klingbeil das Rednerpult.

Er ist inzwischen nicht mehr bloß Parteivorsitzender, Finanzminister oder Vizekanzler. Die Ämter wurden im Zuge der großen sozial gerechten Verwaltungsvereinfachung zusammengelegt.

Seine neue Amtsbezeichnung lautet:

Vorsitzender des Staatsrates der Deutschen Transformationsrepublik.

Das spart Bürokratie.

Klingbeil hebt die Hand. Im Saal erhebt sich jener geordnete, rhythmische Applaus, bei dem niemand weiß, wer angefangen hat – aber jeder sehr genau weiß, wann er besser nicht aufhören sollte.

Das neue Zentralkomitee

Hinter dem Staatsratsvorsitzenden sitzt das neue politische Machtzentrum.

Bärbel Bas trägt inzwischen jene streng hochgekämmte Frisur, die dem Bürger schon aus der Entfernung signalisiert, dass private Lebensentscheidungen künftig grundsätzlich unter Finanzierungsvorbehalt stehen.

Neben ihr wacht Manuela Schwesig über die nördlichen Bezirke der Republik. Sie hatte bereits 2026 damit begonnen, den damaligen Kanzler Friedrich Merz öffentlich zurechtzuweisen. Zwei Jahre später ist Merz immer noch anwesend – allerdings nur noch auf einem kleinen Stuhl am äußersten Rand des Saales.

Die CDU darf bleiben.

Als Blockpartei.

Heidi Reichinnek lächelt derweil mit der Zuversicht eines jungen Egon Krenz in die Zukunft. Das System, so versichert sie, habe nicht versagt. Es sei lediglich noch nicht konsequent genug umgesetzt worden.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann wacht in feldgrauer Mielke-Galauniform über die Verteidigungsbereitschaft des sozialistischen Friedens. Ihre Jacke trägt inzwischen mehr Orden, als die alte Bundesregierung gebrochene Wahlversprechen vorweisen konnte.

Und das will etwas heißen.

Die Revolution kam im Koalitionsausschuss

Natürlich hatte niemand vor, eine neue DDR zu errichten.

Es gab keine Revolution, keine Barrikaden und keine Panzer vor dem Reichstag. Der politische Umbau erfolgte geräuschlos – in Arbeitsgruppen, Koalitionsausschüssen und nächtlichen Spitzengesprächen.

Jede neue Belastung hieß „Solidarbeitrag".

Jede Rücknahme einer Reform hieß „soziale Nachschärfung".

Jede zusätzliche Milliarde hieß „Sondervermögen".

Und jede vollständige Kapitulation der CDU wurde als „staatspolitische Verantwortung" verkauft.

Die SPD musste das Kanzleramt nicht einmal erobern. Sie ließ die Union einfach so lange regieren, bis von deren eigenem Programm nichts mehr übrig war.

Anfangs wurden nur einzelne Reformen infrage gestellt. Dann wurden sie verschoben, anschließend verwässert und schließlich in ihr Gegenteil verkehrt.

Was gestern noch als wirtschaftlich unvermeidlich galt, war am nächsten Morgen plötzlich sozial ungerecht. Was im Koalitionsvertrag stand, galt nur so lange, bis die SPD einen Parteitag, eine schlechte Umfrage oder Manuela Schwesig ein Mikrofon vor sich hatte.

Die CDU lieferte weiterhin den Kanzler.

Die SPD lieferte die Politik.

Die CDU hat ihren Platz gefunden

Friedrich Merz sitzt auch an diesem Morgen wieder auf seinem kleinen Stuhl rechts neben dem Präsidium. Vor ihm steht ein Tischchen mit Mineralwasser und einem schwarz-gelben Fähnchen.

Er darf an den Sitzungen teilnehmen. Gelegentlich darf er sogar sprechen. Voraussetzung ist allerdings, dass seine Wortmeldung am Ergebnis nichts ändert.

Die CDU trägt die Beschlüsse des Staatsrates zuverlässig mit. Dafür darf sie weiterhin das Wort „christlich" im Parteinamen führen und einmal jährlich vor wirtschaftspolitischem Realitätsverlust warnen.

Das zuständige Ministerium prüft noch, ob Letzteres dauerhaft genehmigungsfähig ist.

In seiner Festrede erinnert Merz daran, dass die Union viele sozialistische Reformen nur mitgetragen habe, um Schlimmeres zu verhindern.

Was genau das Schlimmere gewesen wäre, kann 2028 allerdings niemand mehr sagen.

Gleichheit ist hergestellt

Die neue Republik hat ihr wichtigstes Ziel erreicht: Alle Bürger sind gleich.

Gleich hoch belastet.

Gleich stark reguliert.

Gleich abhängig.

Und weitgehend gleich unzufrieden.

Privateigentum ist selbstverständlich weiterhin garantiert. Es kann lediglich vorübergehend, dauerhaft und zum Wohle der Allgemeinheit einer anderen Verwendung zugeführt werden.

Auch die Meinungsfreiheit besteht fort. Jeder Bürger darf frei entscheiden, ob er der Regierung vollständig oder aus tiefster Überzeugung zustimmt.

Die Wirtschaft schrumpft zwar, aber dafür wächst der öffentliche Dienst. Das gleicht sich statistisch beinahe aus.

Auswanderung wird nicht länger als Problem betrachtet. Wer das Land verlässt, senkt schließlich seinen persönlichen CO₂-Ausstoß innerhalb der Republik auf null.

Ein großer Erfolg der Klimapolitik.

Der letzte Parteitag der alten Bundesrepublik

Am Ende seiner Rede blickt Staatsratsvorsitzender Klingbeil zufrieden in den Saal.

Bärbel Bas nickt.

Manuela Schwesig applaudiert.

Heidi Reichinnek lächelt.

Strack-Zimmermann kontrolliert die Reihen.

Und Friedrich Merz sitzt am Rand und ist erleichtert, dass die CDU auch im kommenden Jahr als Blockpartei zugelassen bleibt.

So endet die Bundesrepublik nicht mit einem großen Knall.

Sie endet mit einem Koalitionskompromiss, einer Geschäftsordnungsdebatte und der Versicherung, dass selbstverständlich niemand die Absicht habe, eine Mauer zu errichten.

Satire?

Selbstverständlich.

Aber Satire sieht häufig nur so lange übertrieben aus, bis die Wirklichkeit beginnt, das Bühnenbild aufzubauen.

Merke: Wer als Kanzlerpartei jede rote Linie räumt, darf sich nicht wundern, wenn ihm am Ende nur noch der kleine Stuhl am Rand bleibt.

— Der Henker 

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