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Merkel Reloaded – oder: Das politische Recyclingzentrum der CDU

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Es gibt Parteien, die lernen aus der Geschichte. Und es gibt Parteien, die stellen sie wieder ein.

Angela Merkel ist zurück im Diskurs. Nicht als Kanzlerin. Als Heilige der ruhigen Hände. Als Patronin der Alternativlosigkeit. Als lebender Beweis, dass man ein Land sechzehn Jahre lang führen kann, ohne es jemals zu führen.

Merkels größtes Talent war nicht Macht.
Es war Verdunstung.

Konflikte? Verdampft.
Ideologie? Verdünnt.
Profil? Verflüchtigt.

Unter Merkel wurde Politik zur Raumtemperatur. Nichts kochte, nichts fror – alles lauwarm. Deutschland war nicht im Sturm. Deutschland war im Wartezimmer. Sechzehn Jahre lang saß die Republik da und hörte beruhigende Worte, während die strukturellen Baustellen leise wuchsen wie Schimmel hinter der Tapete.

Energiepolitik? Moralisches Hochamt mit nachgelagertem Taschenrechner.
Migration? Humanitäres Pathos mit Integrations-Excel in Version Beta.
Euro-Rettung? „Wir schaffen das" – nur eben mit Billionen.

Das war kein Untergang.
Das war Sedierung.

Und jetzt? Jetzt kommt die CDU und sagt: Neustart!

Neustart mit denselben Kabeln.

Friedrich Merz wollte der Anti-Merkel sein. Der Mann mit Ecken. Mit Markt. Mit Muskeln im Tonfall. Endlich wieder Kante. Endlich wieder Klarheit.

Und was ist daraus geworden?

Merkel mit Lautstärkeregler.

Merz klingt härter. Er klingt wirtschaftlicher. Er klingt entschlossener. Aber wenn man den Ton abstellt und nur auf die Struktur schaut, läuft das gleiche Betriebssystem. Sachzwänge hier, Koalitionsarithmetik dort, parteiinterne Balance überall.

Er ist nicht der Bruch.
Er ist das Update.

Version 2.0: Mehr Rhetorik, gleiche Architektur.

Und dann dieser Parteitag. Dieses kollektive Schulterklopfen. Diese Orgie der Selbstvergewisserung. Man hätte meinen können, man feiere die Erfindung des Stroms – dabei feierte man sich selbst dafür, noch da zu sein.

Applaus als Therapieform.

Die CDU redet von Stabilität. Stabilität! Ein schönes Wort. Es klingt nach Fundament. Nach Ordnung. Nach Vernunft. In Wahrheit bedeutet es oft: Bitte nichts anfassen, es könnte wackeln.

Stabilität war sechzehn Jahre lang das Mantra. Stabilität hat Deutschland ruhig gehalten. Stabilität hat Konflikte eingehegt. Stabilität hat auch jede ernsthafte Richtungsdebatte erstickt.

Und jetzt wundert man sich, dass draußen Menschen nach Alternativen suchen.

Vielleicht liegt es daran, dass „Alternativlosigkeit" irgendwann wie Hohn klingt, wenn alles teurer, komplexer und fragiler wird. Vielleicht liegt es daran, dass man Probleme nicht wegmoderieren kann, wenn sie physisch auf der Stromrechnung stehen.

Die CDU hat ein Identitätsproblem. Und Identitätsprobleme löst man nicht mit Nostalgie. Man löst sie auch nicht mit lauteren Reden. Man löst sie durch schmerzhafte Ehrlichkeit.

Doch Ehrlichkeit ist riskant. Ehrlichkeit bedeutet, zu sagen: Wir haben Fehler gemacht. Wir haben Dinge verschoben. Wir haben uns zu lange auf Wahlerfolge verlassen.

Stattdessen bekommt man: Geschlossenheit. Verantwortung. Werte.

Werte ohne Risiko sind Dekoration.

Das eigentlich Satirische – und zugleich Tragische – ist Folgendes: Eine Partei, die sechzehn Jahre fast ununterbrochen regiert hat, inszeniert sich heute als Korrektiv. Als Mahner. Als Rettungsanker.

Das ist, als würde der Architekt eines schiefen Hauses sagen: „Gut, dass ich rechtzeitig vorbeischaue."

Deutschland steht nicht vor dem Untergang. Aber es steht vor einer Frage: Wie lange kann eine Partei ihre eigene Geschichte als Betriebsunfall verkaufen, ohne dass jemand merkt, dass sie selbst die Betriebsleitung war?

Vielleicht ist die Rückkehr Merkels kein Comeback.
Vielleicht ist sie nur das Spiegelbild.

Und vielleicht ist das wahre Problem nicht, dass sie zurück ist.

Sondern dass sie nie wirklich weg war. 

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Samstag, 21. Februar 2026